Das Todesfasten und der Kampf in den Gefängnissen

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Wir wissen, dass Opfer auf uns warten und wir im revolutionären Kampf einen Preis zu zahlen haben. Unser revolutionärer Kampf hat die Farbe des Blutes, bringt Niederlagen und Siege mit sich; Verrat und Heldentaten; wir töten und können getötet werden.

Der Weg des revolutionären Kampfes ist lang und zum Teil unbekannt

Dieser Kampf wird an vielen Orten gleichzeitig geführt, in den Bergen und den Städten, auf den Strassen und in den Folterzentren, bei den Auseinandersetzungen in den Gefängnissen und innerhalb der unterschiedlichen politischen Anschauungen. Dabei ist die Oligarchie der letzte Feind den wir besiegen werden. Bis zu diesem gewonnenen Kampf müssen wir über alle ihr direkt oder indirekt dienenden Feinde den Sieg errungen haben. Das letzte und eigentliche Ziel werden wir Schritt für Schritt erreichen, bis zur Machtübernahme der Revolution. Wir müssen die Angst besiegen…. Wir müssen den Feind in uns und die kleinbourgeoise Angewohnheiten besiegen. … Wir müssen den Tod besiegen.

In diesem Moment kommt das Todesfasten; es ist der Moment des Sieges über die Angst, über die negativen Angewohnheiten und über den Tod. Das Todesfasten ist ein Marsch, der uns zum Sieg tragen wird.

Weil das Todesfasten zu einer Tradition in unserem revolutionären Kampf geworden ist und die reine Dialektik des von uns geführten Krieges enthält, nimmt er in unserer revolutionären Geschichte einen wichtigen Platz ein. Er festigt die Traditionen in unserer Bewegung, weil er Besonderheiten beinhaltet.

Das Todesfasten ist nicht nur heldenhaft, nicht nur ein methodisches Vorgehen. Bei der Entwicklung unserer Bewegung spielte das Todesfasten immer eine wichtige Rolle. Das Nichtbegreifen dieser Aktionsart, das Nichtverstehen der Erfüllung dieser Aktionsform bedeutet gleichzeitig, das der Sinn vom Todesfasten nicht verstanden wird. Das Todesfasten ist ein Höhepunkt in unserer Ideologie, unserem Glauben, unserer Traditionen, in unserem Volkskampf. Deswegen ist sein Impuls, sein Ausdruck und seine Spur in der Vergangenheit immer sehr wirkungsvoll gewesen.

Das Todesfasten, wie immer auch sein Niveau sein mag, übernimmt die Funktion eines Kaders, Kriegers, Sympathisanten. Ein Apo, ein Haydar, ein Hasan zu sein reicht aus, um allen Sympathisanten die Ziele zu erklären. Dieses Ziel verlangt aber auch eine innere Erneuerung, eine Entwicklung und ein Wandel im Bewusstsein.

Seit dem Anfang des Todesfastens sind mehr als 10 Jahre vergangen. Für den Feind, für die linken Organisationen und Massen war das Todesfasten eine einflussreiche Aktionsform; parallel dazu wurde viel darüber diskutiert.

Das Todesfasten hat in dieser Zeit und später auf der Seite des Feindes, aller Linken und der Massen einige Meinungen hervorgebracht; die die politische Gefangenschaft betreffen, die Wahrheit über die Gefängnisse und des Krieges, den Sinn des Kampfes, die Beziehungen in- und ausserhalb der Gefängnisse und über die Kerker, die in revolutionäre Schule umgewandelt werden… All dies ist mit dem Todesfasten erreicht worden, es ist kein abstraktes Themen mehr. Die “freie Gefangenschaft” hat sich aus dem geschichtlichen Erbe heraus entwickelt, und dadurch sind einige Wahrheiten aus den Gefängnissen heraus öffentlich geworden; die berechtigten Forderungen der revolutionären Gefangenen und die Notwendigkeit des Klassenkampfes.

Die Gefängnisse sind heute auf der Tagesordnung aller Menschen. Sie sind Angriffsziele des Feindes. Die revolutionären Gefangenen bestehen auf dieses starke Erbe. Weil dies so ist, hat das Todesfasten mit all seinen Wirkungen und Ergebnissen für neue Aufregung gesorgt.

Das Gedenken an die Gefallenen ist eine Pflicht und Ehre aus der Sicht unserer Partei/Front. Es ist eine Ehre die Widerstandsgeschichte mit zuschreiben.

Die politische Gefangenschaft

Die « politische » Gefangenschaft hat eine hundertjährige Vergangenheit; seit dem Beginn des Kampfes für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. Aber der Feind hat dies den Volksbefreiungskämpfern noch nie auf einem “silbernen Tablett” präsentiert. Der politische Gefangene hat mit seinem Beitrag von heroischen Opfern für die Wahrung der politischen Identität darauf bestanden.

Die politische Gefangenschaft wurde zwar nicht gesetzlich geregelt, aber sie wurde zumindest indirekt in den Gefängnissen, die in “Revolutionsschulen” umgewandelt wurden, von den politischen Gefangenen umgesetzt. Sie haben sich nicht von allein zu Kaderschulen verwandelt; die Vergangenheit hat dies nicht immer klar gestellt. Die Gefängnisse sind in unserem Land seit Jahrzehnten Revolutionsschulen. Die allgemeine reformistische Linie sagt dazu, dass dieses nur Orte des Absitzens einer Freiheitsstrafe sind, und das hier mit der Oligarchie in eine Verständigung eingegangen wird. Und eben dieses negative Erbe ist für die Aussöhnung mit der Oligarchie verantwortlich. Die politische Gefangenschaft ist keine Etikette und ist auch kein gesetzlicher Status; es ist der Name für etwas Vorübergehendes. Das revolutionäre Leben wird in den Parolen und in den Agitationen ausgedrückt, – dem Tod lachend entgegen zu treten, für die Revolution in den Tod zu laufen, es freiwillig zu tun – für die GenossInnen und für das Volk – , Vertrauen gegenüber der Organisation, Liebe zum Volk, die Verteidigung der Ehre mit Opfern – und all diese Inhalte stehen konkret und bewusst mit dem Todesfasten im Einklang. “Lernen zu sterben, um leben zu können” heisst es, und dies wurde bewusst in die Praxis umgesetzt. Man kann sagen, das diejenigen, die damals nicht sterben konnten heute noch leben. Aber wie können diese Menschen ohne Forderungen und Sehnsüchte nach Freiheit dem System untergeordnet leben? Das Verzichten darauf und das Zurückkehren zum System ist zu einem Zeitpunkt entstanden, als sie sich nicht für etwas entscheiden konnten und dies hat sich bis heute fortgesetzt. Um ehrenhaft und für eine heroische Tatsache zu kämpfen, muss man lernen sterben zu können. Das Todesfasten 1984 war aus dieser Sichtweise heraus entstanden, im Gegensatz zu dem allgemeinen politischen Verständnis vom Gefängnis und zur politischen Haft. Die wahre politische Gefangenschaft wurde mit dem Tod, dem Feind und der Öffentlichkeit gezeigt, mit der Umwandlung der Kerker in Widerstandsschulen, und mit den Verteidigungsreden in den Prozessen. Der politische Gefangene sieht die Gefängnisse nicht als einen Ort des Absitzens der Strafe an. Der politische Gefangene bringt sowohl draussen, wie auch drinnen Opfer. “So schnell wie möglich raus “, denkt er nicht und unterwirft sich auch nicht der Ordnung der Oligarchie. Er wird nicht verurteilt, sondern verurteilt selbst. Bei dem Leben in den Kerkern wird nicht daran gedacht, “lasst uns nicht selbst zusätzliche Gitter aufbauen”. Die organisatorische Disziplin eines Revolutionärs ist draussen dieselbe wie drinnen. Dabei müssen wir die Besonderheit in den Kerkern hervorheben, die Pflicht des Kampfes. Aufgaben ausserhalb und in den Gefängnisssen nicht wahrzunehmen sind kleinbourgeoise Fluchtversuche und Versuche die politische Gefangenschaft nicht ernst zu nehmen. Wer versucht sich in den Kerkern mit der Oligarchie zu arrangieren, tut nichts anderes, als das opportunistische Ideologieverständnis neu zu formieren. Es ist eine Pflicht in der politischen Gefangenschaft Opfer zu bringen. Das Todesfasten ist eines der Höhepunkte aus dieser Sicht. Und wir müssen die politische Gefangenschaft mit ihrer revolutionären Linie zurückgewinnen.

Von der politischen Gefangenschaft zur “freien Gefangenschaft”

Auch wenn es heute den Status der politischen Gefangenschaft, der in den Gesetzesbüchern als “Terrorismus ” formuliert wird gesetzlich nicht gibt, in den Gefängnissen existiert er. In unserem Land wurde bis in die 80 `er Jahre nicht davon gesprochen. In der Zeit des 12. März 1970, am Tage des Militärputsches, haben die RevolutionärInnen in den Kerkern eine neue Widerstands – und Kampfform, eine neue Form der Verteidigung, das Recht der Gefängnisflucht entwickelt. Es fanden aber in diese Richtung keine Fortschritte statt. Die Zeit der Widerstände, in der Teile des Status auf die Tagesordnung kamen und in der sich die revolutionären Gefangenen in Massen in den Gefängnissen wieder fanden, war in den Jahren 1977 – 78. In den 80`er Jahren war dann die Anerkennung der politischen Gefangenschaft eine der Hauptforderungen. Aber neben diesen Forderungen, haben die RevolutionärInnen auch mit ihrer Lebensweise und ihren Widerstandsformen die Feinde dazu gezwungen.

Politische Gefangenschaft drückt den Status und die Lebensweise der revolutionären Gefangenen aus. Aber dieser Begriff erklärt unsere heutige Gefangenschafts – Realität und den Kampf in den Gefängnissen nicht im vollen Umfang. Nicht weil es falsch wäre, sondern parallel nach der Entwicklung des Kampfes unzureichend ist.

Die Gefangenen der DEVRIMCI SOL und der PARTEI/FRONT haben in den Jahren des Widerstandes, mit den erkämpften Rechten, mit ihren Erfahrungen es dazu gebracht, dass diese sogar zu einem besonderen (Freiheits)symbol der Gefangenen wurden. Und die Zeit, in denen ihnen die erkämpften Rechte wieder geraubt wurden bedeutete nicht, dass die Freiheit dieser Gefangenen aufgehoben war. Freie Gefangenschaft bedeutet die Loslösung vom Feind auf ideologischer Ebene. Das Todesfasten ist dabei eines der wichtigsten Schritte.

Bei der Einführung der Einheitskleidung für Gefangene sollte gezeigt werden wessen Willenskraft stärker ist, die des Feindes oder die des Revolutionärs. Und die RevolutionärInnen sind diesen Kampf mit der Oligarchie eingegangen. Ihre Waffen sind das ideologische Bewusstsein, Barrikaden, Willensstärke und das Wissen Opfer als Beitrag leisten zu müssen für eine freie Gefangenschaft, die sie in den Gefängnissen schaffen.

Die Gefängnisse sind für den Feind immer Ziele ihrer Angriffe gewesen. Um die Unterdrückungspolitik gegen das Volk ausführen zu können, musste die Oligarchie auch sie zum Angriffsziel erklären. Wie in den Jahren der Junta versuchen die Feinde auch heute die Entwicklung des Volkskampfes zu verhindern und greifen deswegen auch die Gefängnisse an. Der 15/16 jährige Kampf drinnen hat dies immer wieder deutlich gemacht. Man hat gesehen, dass die Kerker mit den Geschehnissen draussen verbunden sind. Während im Land ein blutiger, grausamer Krieg geführt wird, können die politischen Gefangenen sich nicht ausserhalb dieses Krieges stellen. Die freie Gefangenschaft ist sich dessen bewusst und ist eine konkrete Ausdrucksform für eine immerwährende fortlaufende Widerstands- und Kriegslinie.

Kerker und Krieg

Der Krieg in den Kerkern ist ein langer Krieg. Auch wenn dieser Zeit für Zeit verdeckt wird besteht er. Jeder Sieg und jede Einlösung einer Forderung ist nur ein erobertes Feld. Der Feind schläft nicht. Er bereitet sich ständig für neue Angriffe vor.

In diesem Krieg ist nichts unwichtig. Eines der wichtigsten Taktiken des Feindes dabei ist es seine Anordnungen zu bagatellisieren. Dabei geht er folgendermassen vor: “Was ist denn dabei, wenn ihr es einfach akzeptiert “. Das ist seine Strategie, mit der er die Politik der « Unterwerfung » in die Wege leiten will. Der Feind war sogar bereit, wenn Forderungen eingehalten werden, andere Rechte widerum zuzusprechen. Der Feind sagt ebenfalls, das bei der Einhaltung der “unwichtigen” Forderungen dem revolutionären Gedanken nichts passieren kann und versucht damit seine Forderungen zu legitimieren. Die reformistische Linie bestand auf der Annahme der Forderungen des Feindes. Aber wenn man sich unter derartigen Umständen beugt, bedeutet dies nichts anderes, dass man die Wahrheit des Krieges und das die Gefängnisse Fronten im Krieg sind, nicht sieht und versteht.

Es gibt in der Vergangenheit viele Beispiele, in der im Krieg jeder quadratmeter Land allem voranging; das Verteidigen einer kleinen Stadt kann oftmals moralisch eine große Rolle spielen und das Schicksal eines Krieges bestimmen. Die “unwichtigen” Forderungen des Feindes dagegen enthalten immer wieder vorangehende gefährliche Gesichtspunkte, die wir nur mit einer Front in den Gefängnissen erwidern können.

Der Krieg drinnen ist ein Kader – und ein Massenkrieg. Auf diesem Feld des Krieges wird niemandem die Erlaubnis für das Ausserhalbstehen gegeben. In Wahrheit hat das Todesfasten mit seinen Aktionen dies offen gezeigt. Sicher werden es die Vorbilder und vorallem die Kader sein, die die Mobilisierung durchführen. Wer dies nicht wahr haben will und beim Klassenkampf das Gegenteil behauptet zeigt damit, dass er es nicht verstanden hat, das die Vorhut den Weg bahnt, die Besten unter den Guten.

Aber dies ist nicht das Problem in den Gefängnissen. Die opportunistischen RevolutionärInnen behaupten von uns, dass wir mit unserem Todesfasten losgelöst von den Massen handeln. Während sie uns hiermit kritisieren, suchen sie einen Grund, um nicht an dem Todesfasten teilnehmen zu müssen.

Bei einem Widerstand wussten einige nicht, als sie sich aus der heissen Auseinandersetzung mit dem Feind zurückzogen, welchen Preis sie dafür zu zahlen haben. Sie versuchten sogar das Todesfasten ohne Verhandlung mit der Begründung zu beenden, das die Massen nicht mehr hinter uns stehen würden. Konträr hierzu haben wir ihnen gezeigt, das auch die Massen an unseren Aktionen teilnehmen und dass ihre Begründung “losgelöstes Handeln von der Masse”nicht ausreichend ist und nicht wahr sein kann.

Bei diesen Vorfällen waren wir Zeuge, wie zum Beispiel die Gewerkschaft KESK (Gewerkschaften Konföderation der Werktätigen im öffentlichen Dienst) in diesem Punkt keine Entscheidung mit der Begründung traf, die Massen seien für Aktionen nicht vorbereitet … Und die Legalisten laufen vor dem Krieg und vor jeder Form der Gewalt sowieso weg. Der Grund ist klar: Die Massen wollen keine Gewalt. Aber eigentlich sind es nicht die Massen, die vor Krieg und Gewalt weglaufen, sondern ihre KaderInnen und die GeneralsekretärInnen dieser Organisationen. Dies können sie aber nicht ohne weiteres zugeben und geben Entscheidungen, die sie treffen, im Namen des Volkes bekannt. Der Klassenkampf hat dies oft genug bewiesen.

Der Widerstand mit dem Todesfasten ist ein offener Krieg. Alle Menschen sind daran beteiligt. Aber wenn in einem Krieg eine bestimmte Gruppe Menschen an einem Ort kämpft, heisst das nicht, sie von anderen Kriegsschauplätzen fernzuhalten, sondern sie an einem bestimmten Ort einzusetzen. In der Zeit der 35 – 45 tägigen Hungerstreiks und des Todesfastens, haben von Devrimci Sol aus jeder Altersgruppe Menschen mit unterschiedlichen Aktionen daran teilgenommen.

An dem Punkt, an dem der Feind uns zu Unterwerfung zu zwingen versucht, können wir nicht unsere Rückzieher mit ” wir wollen unsere KaderInnen nicht verlieren” begründen. Was für eine Mission hat dann ein Kader noch? An unserem Todesfasten haben neben führenden GenossenInnen auch wichtige KaderInnen teilgenommen. Die Gefallenen Abdullah Meral und Haydar Basbag waren dabei vorbildliche Genossen. Haydar war ein Genosse,der seit ´74 in dem Befreiungskampf aktiv mit dabei war. In Elazig war er einer der ersten, der den revolutionären Widerstand organisierte und in Istanbul übernahm er unter den ArbeiterInnen wichtige verantwortliche Funktionen. Nach dem 12. September Militärputsch, war er einer der führenden Genossen in unserer Bewegung. Apo war seit ´75 in dem Befreiungskampf, wobei er zu einem Vorkämpfer der Dev-Genc (Revolutionäre Jugend) wurde. 1980 nahm ihn nach einer bewaffneten Auseinandersetzung die Polizei gefangen. Im Gefängnis bildete er sich zu einem wichtigen Kader heran. Genosse Hasan Kämpfte in Bursa, und hier ist er auch festgenommen worden. Im Gefängnis hat er sich in unserer Organisation weiter entwickelt und dem Kampf ausserordentliche Impulse gegeben. In der schwierigsten Phase weigerte er sich nicht seine Pflicht zu erfüllen. Der Krieg kann nicht ohne KommandantInnen und KaderInnen geführt werden; das muss jeder erkennen. Und jeder weiss, das auch KommandantInnen und KaderInnen sterben, wenn es notwendig ist. Manchmal laufen sie ganz vorne an erster Stelle dem Tod entgegen. In den Gefängnissen, welche ebenfalls Orte des Krieges sind, kann man diese Kampfform nicht verändern. Daran denken nur die Rückzieher und OpportunistInnen.

Die Gefängnisse und der Kampf ausserhalb

« Haben die Kerker zentrale Funktionen oder nicht ? » Darüber wurde jahrelang drinnen diskutiert. Wenn wir uns das Problem einmal betrachten, sehen wir, dass eine derartige Diskussion aus revolutionärer Perspektive doch recht peinlich ist, denn die Kontroverse geht eigentlich darum, ob der Gefangene von der Widerstands – und Kampfpflicht befreit ist oder nicht.

Die Gefängnisse können nach dem 12. September 1980, i. d. Jahren ’83, ’84 und ’85 ebenfalls als Stätte des Kampfes angesehen werden. Dies hängt nicht von individuellen Bevorzugnissen ab. Aus diesem Aspekt heraus gesehen ist das Problem nicht, ob die Gefängnisse Zentren sind oder nicht, sondern wie wir den Kampf darin organisieren können. Vor 1980 hatten die Gefängnisse keine wirkungsvolle grosse Rolle gespielt, da konnte man vielleicht derartige Gespräche führen. Aber jetzt haben wir die 15 – 16 jährige richtige Linie in der Geschichte der Haft verfolgt. Man weiss jetzt, dass die Gefängnisse nach draussen hin und umgekehrt grosse Einflüsse ausüben. Wie die Gefängnisse die Menschen im Land beeinflussen können, bewies das Todesfasten. Der Krieg in den Gefängnissen, wie z.B. in Ümraniye, sorgte ausserhalb für viel Aufsehen und Furore. Es wird hiermit deutlich, das die Kerker zu einem wichtigen Teil des Kampfgeschehens geworden sind. Was auch nur natürlich ist, wenn tausende von Menschen an einem Ort zusammen sind. Während wir uns hierüber, d.h. über die Aufgaben der Gefangenen im Klaren sind, müssen wir diese auch für draussen festlegen. Die Aufgabe derjenigen, die draussen sind ist nicht nur Unterstützung leisten; sie müssen es als ihren Kampf verstehen. Der Widerstand in den Gefängnissen ist somit ein Funke für den Widerstand im Land, als Teil des gesamten Volkskampfes; von wo auch immer der Funke entspringt, sei es von den ArbeiterInnen oder den BeamtInnen. Wenn aber unser Ziel nicht Reformen, sondern Revolution ist, dann müssen wir mit diesem Funken die Revolution erweitern. Daran können die Menschen draussen organisatorisch, politisch und kulturell arbeiten. Was könnte es für einen Grund geben nicht so zu handeln ? Nein, niemand kann eine logische Erklärung dagegen abgeben. Jede Erklärung dagegen würde eine Ablehnung der politischen Gefangenschaft beinhalten. Die Aufgabe eines Revolutionärs ist zu kämpfen, sich 24 Stunden der revolutionären Sache völlig hinzugeben. Hierbei gibt es keine Ausnahme. Sie, die RevolutionärInnen werden, wie auch immer die Umstände sind, ihre ganze Unterstützung den politischen Gefangenen geben. Dies ist die Erfüllung einer Pflicht und der Beitrag eines Revolutionärs.

Das Todesfasten hat den Boden für die neu entflammende Bewegung draussen geschaffen

Es gab unzählige Menschen die nach dem Todesfasten zu Devrimci Sol Sympathisanten wurden. Allein dieses Phänomen beweisst doch den Erfolg des Todesfastens und sollte die Diskussion über die sogenannte « Trennung » zwischen drinnen und draussen beenden.

Nachdem die Junta die breite gesellschaftliche Opposition niederhielt, entstand die erste offene gesellschaftliche Opposition nach der Juntazeit, die auf dem Boden des Widerstandes im Todesfasten 1984 entstand. War der Kampf und die Aktionen der Angehörigen in den Jahren ’84,’87, ’88- ’89 der bestimmende und beweglichste Teil in der gesellschaftlichen Opposition? Diese Wirkung hat danach weiter angedauert und bereitete, als Träger des Widerstand – Erbes den Boden für die Verankerung der revolutionären Bewegung im Volk vor. Sympathie und Begeisterung für das Todesfasten und den Widerstand in den Gefängnissen, schuf unter den Jugendlichen und der breiten werktätigen Masse eine aktive Unterstützung für die revolutionäre Bewegung.

Wir können heute behaupten, dass das Todesfasten der wichtigste Teil unseres Widerstandes – und Kampferbes geworden ist. Und dieses Erbe ist passend zu ihrem Sinn und Zweck und schuf neue Ketten von Heldentaten. Es kann sich keine Bewegung, ohne im Besitz solch eines Erbes entwickeln.

Das Todesfasten ist in der revolutionären Bewegung der Ausdruck für Kampf, für Widerstand, für die tiefe Verbundenheit mit dem Volk. Um die Entpolitisierung in den Jahren der Junta zu brechen, gab die Masse uns mit ihrer Unterstützung ihre Antwort.

Es ist auch richtig, dass das Todesfasten ein Kampf der revolutionären Bewegung ist, in der man die Phasen der Regeneration durchlebt, in der Niederlagen erfolgen und in der wir lernen uns gegen Niederlagen zu wehren. Genau hier gingen diejenigen, die ihren Widerstand in den Gefängnissen fortführen wollten, einen Konflikt mit dem Feind ein. Und sie sollten dabei, bis auf wenige KampfgenossInnen, in ihrem Kampf alleine stehen; der Feind sollte seine ganze Grausamkeit ihnen gegenüber zeigen.

Mit der Planung der Aktion begann die Abrechnung mit dem Feind. Das Todesfasten, die 30tägigen, 45tägigen Hungerstreiks sollten freiwillig durchgezogen werden. Das Todesfasten war ein physischer und politischer Kampf der Willenskraft.

Sie sahen dem Tod ins Auge, aber dies sollte kein augenblicklicher Tod sein. Dieser Tod sollte nicht wie bei einer Kugel nur Sekunden dauern. Auch sollte dieser Tod nicht wie am Galgen Minuten dauern. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Monat für Monat sollte dem Tod Widerstand geleistet werden.

Während die Schmerzen den Körper zerstörten, sollte sich nichts an der Entschiedenheit ändern. Der eigene Körper sollte den Feind angreifen. Das Todesfasten endete mit dem Sieg, womit der Kampf gewonnen wurde. Das Todesfasten war ein Merkmal für die Loslösung von kleinbourgeoise – und bourgeoisehaften Angewohnheiten und vertrat Werte und das Verstehen, die den ideologischen Aufbau der Devrimci Sol und der Partei/Front bestimmten.

Das Todesfasten bedeutet die politische und praktische Kapitulation des Opportunismus an der Gefängnisfront

Die linken Organisationen generalisieren und geben nur oberflächlich die Geschichte der Gefängnisse wieder, und die des Todesfastens, worüber sie nicht reden wollen.

Sie sprechen, wenn sie vom Todesfasten berichten, von Selbstmorden, von politischen Morden, womit sie sich gegen den Widerstand stellen, nur Zuschauer sind und auf eine Niederlage der Hungerstreikenden warten; denn deren Erfolg und Sieg würde ihr politisches Ende bedeuten; und dies wissen sie ganz genau. Deswegen warten sie auf die Kapitulation. Aber ihre Hoffnungen sind oft vergebens. Solch ein Widerstand, der die Politik des Feindes angreift, lässt ihre Rechnungen nicht aufgehen.

Anstatt sich ebenfalls diesem Kampf zu stellen, beschuldigen sie uns, unsere KaderInnen zu vernichten, reden von einer Sackgasse, in die wir uns hinein manövrieren.

Neben der Unterstützung verwehrten sie uns sogar ihren Respekt. Während sie neben den Todesfastenden assen, weigerten sie sich den Zucker mit ihnen zu teilen (Anm.: in dieser Widerstandsform wird Zuckerwasser getrunken). Sie verbreiteten eine anti – revolutionäre Stimmung auf die Widerstandleistenden. In Metris und anderen Gefängnisse, die unter der istanbuler Administration standen, sollten, um das Todesfasten wirkungslos zu machen, die Devrimci Sol Gefangenen abgetrennt und auf andere Zellen verteilt werden. Die Todesfastenden wurden von den Opportunisten mit folgenden Worten verabschiedet: “Ihr werdet verlieren, sie werden euch zertreten, was könnt ihr alleine machen”. Diese anti – revolutionäre Reaktion und Haltung macht deutlich, dass keine Unterstützung erfolgte, sondern versucht wurde zu demoralisieren. Und bis heute ist keine der linken Organisationen dazu bereit Selbstkritik zu üben …

Zwischenzeitlich wurde etwas positiver über das Todesfasten berichtet, nur um der Selbstkritik zu entgehen und den Menschen dienlich zu sein, die ihre Haltung unterstützen. Sie konnten nicht die Aktionen und Opfer, die für das Volk Heldentaten waren mit Selbstmord, politischen Morden bezeichnen und verurteilen. Sie gingen taktisch und eigennützig vor und benutzten unseren Kampf für ihre Propaganda und Agitation.

Kerker sind revolutionäre Schulen aber gleichzeitig Mühlen der Konterguerilla

In all diesen Jahren kann man nicht behaupten, dass die Gefängnisse einen negativen Einfluss nach draussen hin hatten. Wir können aber auch nicht sagen, dass wir die Politik des Feindes wirkungslos gemacht haben, denn das wäre zu idealistisch. Man muss erkennnen, das der Feind mit seiner Zwangs – und Unterwerfungspolitik auf die tausenden von politischen Gefangenen schon einen negativen Einfluss ausübte.

Dieses Ergebnis zeigt sich im Streben nach Unabhängigkeit und Organisationslosigkeit.

Aber ein anderer Gesichtspunkt, der leicht übersehen wird ist der, das die Gefangenen, die an den Widerständen in den Gefängnissen teilnehmen, dann kulturell und ideologisch beeinflusst diese Orte verlassen.

Die Opportunisten haben sich in der Gefangenschaft Gewohnheiten zugelegt die dazu führten, das sie sich der Unterwerfungspolitik des Feindes beugten. Dieser andere, oft übersehene Gesichtspunkt besteht darin, das es Menschen gab, die nach dem Putsch vom 12. September ihre 8, – 9 – oder 10 – jährigen Haftstrafen absassen und danach ihren Kampf aufgaben. Wenn man von Haftstrafen spricht, darf man diese Phänomene nicht ausser Betracht lassen.

In der Türkei versucht man ebenfalls die Barrikade des Legalismus in den revolutionären Kampf einzubauen. Diese legalen Organisationen können als ein Produkt der Gefängnisse angesehen werden.

Aufgrunddessen sollte der revolutionäre Widerstand in den Gefängnissen nicht aus rohen Aktionen bestehen. Der Widerstand muss eine seelische, physische und ideologische Einheit bilden. ¨Argumente wie, “wir sind hier im Gefängnis”, sind daher sehr gefährlich. Die ideologische und kulturelle degenerierte Lebensweise in den Kerkern muss deswegen wirkungslos gemacht und in eine revolutionäre, disziplinierte, schöpferische, teilhabende und dynamische Kraft umgewandelt werden. Denn, in den Kerkern, wie auch draussen wird ein heisser Krieg geführt!

Kurtulus