Idil’s Geschichte

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Es war ein schwieriger Krieg. Diese Phase des Krieges würde zum Schauplatz einer erbarmungslosen Abrechnung werden. Wie hunderte ihrer GenossInnen hat auch sie sich in die vorderen Reihen gestellt. “Auch ich bin dabei, bei diesem Gefecht möchte ich in den vordersten Reihen kämpfen.” sagte sie. Aber sie unterschied sich von der ” Mehrheit”. Sie war eine Frau. Eine andere Besonderheit von ihr war, daß sie gleichzeitig eine Künstlerin war.

Am Ende dieses erbarmungslosen Krieges, der Abrechnung mit der Oligarchie erlangte Ayse Idil Erkmen die Ehre, als erste Frau im Todesfastenwiderstand zu fallen. Sie wurde zu der ersten Heldin eines Krieges, bei dem Tod langsam und qualvoll besiegt wurde.

Sie ist die erste Künstlerin, die bei einem solchen offenen Gefecht mit dem Feind gefallen ist.

Idil die Künstlerin, Idil die Frau, Idil die Revolutionäre, Idil die Angehörige der Partei-Front….Sollen wir uns nun wie die anderen fragen welche von diesen Eigenschaften die bestimmende ist? Sich diese Frage zu stellen und sie so oder so zu beantworten bedeutet, nicht zu verstehen warum sie gefallen ist.

Ayce Idil Erkmen, late 1980s.

IDIL DIE FRAU

Die Frauen beteiligen sich seit Jahrhunderten am revolutionären Kampf. Aber je nach der Zeit und Gesellschaft in der die Frau lebt gab und gibt es Unterschiede darin wie sie sich am Kampf beteiligt. Wir wollen hier nicht über das Thema “Frauen in der Revolution” eine Diskussion anfangen. Aber niemand darf übersehen, daß Frauen wie Ayse Gülen und Idil das Erbe von Rosa Luxenburg, Clara Zetkin und Tanja (Tamara Haydée) in unserer Zeit weitertragen. Die Intellektuellen in unserem Lande sind bekannt für ihre Doppelmoral. Während sie die Intifada des Palestinänsischen Volkes loben, übersehen sie den Befreiungskampf ihres eigenen Volkes, der vor ihrer Nase abläuft. Während sie Gedichte für Leyla Halit schreiben, ignorieren sie diejenigen, die mit der Waffe in der Hand kämpfen. Sie hängen die Gedichte von Rosa und Tanja an Wände ihrer Schlafzimmer und übersehen dabei Ayse Gülen. Damit die Intellektuellen ihre Blindheit und Doppelmoral überwinden, müssen sie erst einmal begreifen, daß Frauen wie Idil die Glieder der Kette sind, die den Jahrhunderte alten Kampf der Frauen und die heldenhaften, weisen, opferbringenden Frauen im revolutionären Kampf mit unserer Zeit verbinden.

Bis zu den 70er blieb die Beteiligung der Frauen an dem revolutionären Kampf in unserem Lande nur eine theoretische. Bis auf ein paar Ausnahmen waren diejenigen Frauen, die an der sozialistischen Bewegung teilnahmen, aus der Szene der kleinbürgerlichen Intellektuellen, was auch dem allgemeinen Charakter der Bewegung entsprach. 1970 änderte sich das. Nun waren bei den Universitäts- und Landbesetzungen mehr Frauen beteiligt. Nun waren auch sie mitten in den Auseinandersetzungen mit der Polizei und der Gendarmerie dabei. Dies war eine Veränderung ihrer Identität. Bis in die 80″er hat sich diese Phase vertieft. Doch die Entwicklungen waren immer noch weit von ihrem Ziel entfernt. Bis auf ein paar Ausnahmen spielten die Frauen in der Revolution immer noch Nebenrollen. Die Rolle, die die bürgerliche, feudale Kultur für die Frauen vorsah, war auch in der revolutionären Bewegung noch nicht überwunden. Doch der Weg wurde freigemacht.

Die eigentlich große Entwicklung kam nach 1980. Die Frau, die sich gegen Folter wehrte, die vor den Gefängnissen Widerstand leistete, war die Avantgarde des großen Anschlusses an den revolutionären Kampf.

Diejenigen, die die Gesellschaft in jeder Hinsicht in Angst versetzen wollten, haben neben dem Terror auch den ideologischen Angriff angewendet. Während die Frauen bei jeder Demonstration und jeder Aktion fast die Hälfte, manchmal sogar die Mehrheit der Demonstranten ausmachten, wurde versucht die Front der Frauen mit einer bürgerlichen Bewegung, dem Feminismus zu vergiften. Dieser Gift hat bei einigen Kreisen und sogar bei manchen revolutionären Bewegungen ihre Wirkung gehabt.

Die Begriffe wie Identität der Frau und Freiheit der Frau wurden unverständlich. Aber auch dies hat die revolutionäre Entwicklung der Frauen nicht stoppen können.

Frauen wie Sabo, Eda, Haiyet, Olcay, Sibel, Yase Glen, Esma, Adalet und Gülizar brachten diese Entwicklung zum Ausdruck. Mit ihrem Kampf, ihrem Mut, ihrer Opferbereitschaft haben sie alle Irrtümer über die Frauen ausgeräumt. Sie haben der bürgerlichen Ideologie einen schweren Schlag versetzt. Die Entwicklung zur Revolutionärin und die Befreiung der Frauen haben sie schnell vorangetrieben.

Daß im Todesfasten Frauen teilgenommen haben und daß eine von ihnen Todesfasten gefallen ist, ist ein wichtiger Punkt in der Geschichte dieser Entwicklung. Idil zeigte unwiderlegbar, wer die Befreiung und Identität der Frau verteidigen und vertreten kann.

Die wahre Gesicht derjenigen, die behaupten daß sie als einzige die Identität und die Rechte der Frau verteidigen, ist wieder offen gesehen worden. Wo war die “Frauen-Komission” der ÖDP (Partei für Freiheit und Solidarität), die monatelang über “Frauenrechte” geschrieben und “den Männern den Krieg erklärte”? Wo waren die “lila Nadeln”? Wo waren die Montagsgruppen Feministinnen? Sie haben Idil”s Widerstand nicht unterstützt und waren auch nicht bei ihrer Beerdigung anwesend.
Idil war eine Frau, die für Freiheit kämpft und ihr Kampf ist ein Nachweis dafür, daß der Kampf für die Freiheit keine Männersache ist. Wo wart ihr? Ist es nicht ein Beweis für die Stärke der Frau, wenn sie die bürgerliche Ideologie schwach und willenlos zeigt, indem sie Zelle um Zelle den Tod besiegt? Wo wart ihr in diesem Kampf, der die Würde der Frau festigt? In euren Augen sind die Rechte der Frauen auf “Freie Sexualität” und “Künstliche Gleichberechtigung” eingeschränkt. Das Recht der Frau bedeutet auch, die Zukunft dieses Landes mitbestimmen zu können. Das ist die Linie, die von Sabo bis zu Idil vertreten und in die Praxis umgesetzt wurde. Ja, sie gestalten mit den Männern gemeinsam und gleichberechtigt, Schulter an Schulter, die Zukunft dieses Landes.

Ohne die Teilnahme an solch einem Kampf können die Frauen weder ihre Rechte verteidigen, noch ihrer Identität, die von Feudalismus und Bourgeoisie zu Boden gestampft wird, befreien. Diejenigen, die einen Weg außerhalb dieses Kampf für die Verteidigung der Rechte und die Befreiung der Frau vorschlagen, sind Betrüger. Ist es möglich, die Rechte der Frau nur mit “Nadel Aktionen” zu verteidigen? Indem man im Bordell Presseerklärungen verließt? Kann man Bordelle abschaffen, ohne gegen das Regime zu kämpfen, das diese Bordelle erst möglich macht?

Wo waren die, die für die Transvestiten in Beyoglu marschiert sind und mit ihren Nadeln eine Presseschau abgezogen haben, als die Mütter der Verschwundenen und Gefangenen jede Woche von der Polizei zusammengeschlagen wurden? Sind die Mütter etwa keine Frauen? Wo wart ihr, als Dutzende Frauen beim Todesfasten dem Tod entgegen gingen? Sind sie keine Frauen, wenn sie im Todesfasten gegen das Regime kämpfen? Ihr habt sie nicht gerade als eure Schwestern oder Kinder angenommen, man müßte einmal diskutieren, ob ihr überhaupt schwester- oder mütterliche Gefühle habt. Ihr habt sie nicht als eure Mitfrauen als eure Genossinnen angenommen. Ob ihr überhaupt frauliche Gefühle habt, müßte man mal diskutieren. Frauen und Mädchen unseres Landes, wenn ihr euch von einem System befreien wollt, das euch zu “zweite Klasse Menschen” macht und als sexuelle Ware ausbeutet, dann sind Frauen und Mädchen wie Sabo, Hamiyet, Esma, Olcay, Sibel und Idil eure wahren Vorbilder.

Die Künstlerin Idil

Sie war eine Künstlerin, eine Musikerin, eine begabte Schauspielerin – und Schriftstellerin. Aber was sagt dies alleine aus? Welche Bedeutung, welche Funktion ihre Arbeit hatte, läßt sich nicht beantworten, ohne zu sagen, welche Lieder sie sang, welche Theaterstücke sie spielte und welche Texte sie schrieb. Sie war eine Künstlerin des Kampfes. Sie sang die Lieder unseres Volkes und praktizierte in den Liedern, in den Theaterstücken, in den Texten die Kunst des Kampfes.

In unserem Land vertraten die KünstlerInnen stets die “Theorie der Unabhängigkeit von Organisationen”. Beispiele aus der Praxis haben bewiesen, daß sie damit nicht Recht hatten, noch immer nicht Recht haben, aber immer noch verteidigen sie die Position, daß eine Organisierung” ihre schöpferische Tätigkeit töte”. Idil”s künstlerisches Schaffen entwickelte sich parallel zu ihrer Entwicklung im Kampf, ihrer Entwicklung als Revolutionärin.

War sie nun vor allem Revolutionärin oder vor allem Künstlerin? Dieses falsche Dilemma, in dem die kleinbürgerlichen Intellektuellen stecken, wird durch die Tradition, die über Ayse Gülen zu Idil führt, gegenstandslos.

Dieses Dilemma gleicht einem neu entsprungenen Bach, der seinen Weg im Bachbett noch nicht gefunden hat, der noch nicht recht weiß, ob er nach rechts oder links fließen will, der ziellos, manchmal dorthin, manchmal dahin fließt. Revolutionäre KünstlerInnen aber haben ihren Weg gefunden, sie sind Künstlerinnen, die ihr Ziel kennen. Für sie ist es nicht voneinander trennbar RevolutionärIn und KünstlerIn zu sein, es steht für sie nicht im Gegensatz. Sie sagen nicht “zuerst dies und dann das”. RevolutionärIn zu sein ist eine herausragende Eigenschaft, welche das ganze Leben eines Menschen formt.

Die Organisierung ist für KünstlerInnen keine Behinderung, sie ist eine Kraft. Partei-Front KünstlerInnen erschaffen, weil das Leben in der Partei-Front für das Schaffen der KünstlerInnen eine stetige unerschöpfliche Quelle bedeutet. Die KünstlerInnen, welche die Kultur der Partei-Front umsetzen, werden zu deren Schnittpunkt und können stetig materiell und ideell daraus schöpfen.

In dieser Tradition welche über Ayse Gülen zu Idil führt, sind Grup Yorum, Grup Ekin und die Ayse Gülen Volksbühne gereift und die Linie der organisierten Kunst hat sich weiter herausgebildet, es ist die Linie der revolutionären Kunst. Diese Linie, an diesem Punkt angelangt, weiterzuführen, ist die Antwort auf einige abstrakte Debatten. Für die, die das bis heute nicht verstanden und nicht gesehen haben, soll Idil als lehrendes Beispiel gelten.. Daß sie in diesem unerbittlichen Krieg ihren Platz einnahm, erklärt auch, daß sie nicht eine sensible Künstlerin ohne politischen Charakter war. Nur alleine die Sensibilität einer Künstlerin reicht nicht, um in solch einem heldInnenhaften Kampf einen Platz einzunehmen. Es braucht dazu die Gesamtheit der revolutionären Sensibilität, der Verantwortung gegenüber dem Volke und der Revolution.

Die Partei-Front Idil

In der Revolutionären Volksbefreiungs Partei-Front gibt es keine Diskussion über die Rolle der Frau. Diese Diskussion haben die Frauen mit ihrem selbstgeführten Kampf beendet. Sie haben diese Diskussion beendet, indem sie nicht gegen die Männer, sondern gegen die Oligarchie kämpfen.

Die revolutionäre Frau ist von der “hinteren Front” kämpfend, den Preis dafür zahlend, bis an die vorderste Front vorgerückt. Die Frau trägt jetzt nicht mehr nur das Depot herum, sie trägt eine Waffe und benutzt sie. Sie führt nicht nur Direktiven durch, sie macht Anordnungen. Sie liest nicht nur, sie schreibt. Sie kämpft gegen die ihr von der Ideologie der feudalen, bürgerlichen Kultur zugeteilten Rolle, gegen die Unterdrückung von der Gesellschaft und deren einschränkende Bedingungen, sie reißt erfolgreich die Hindernisse nieder, die ihr aufgrund der feudalen Ansichten von Männern im Kampf, in den Weg gelegt werden. Die Frauen standen in der DHKP-C an der vordersten Front des Kampfes, an vorderster Stelle der Organisationsstrukturen -und dort stehen sie auch heute. Einer kämpfenden Frau stehen alle Türen offen, für die Freiheit ihres Volkes und als dessen Teil auch für die Freiheit ihres Geschlechtes zu kämpfen.

In der Organisation die Frauenrechte, Stärke und Schwäche der Frau usw. zu diskutieren ist rückständig und sinnlos. In einem revolutionären Kampf heißt die “positive Unterscheidung”, wie etwa eine “Frauenquote”, die Institutionalierung der Schwächen der Frau. Dies wiederum heißt “ihr nehmt selbst, aus eigener Kraft und Willen, euren Platz nicht ein”. Die Frauen haben in der DHKP-C ihre Plätze. Das Problem ist nicht “Quoten aufzufüllen”, sondern die Reihen im Kampfe gegen die Oligarchie. Die Frauen haben dies getan, waren erfolgreich.

STELLT IDIL EINE AUSNAHME DAR?

Idil war keine Ausnahme ihre Haltung ist das Produkt der geschichtlichen Entwicklung der Frauen in den Reihen der DHKP-C: Die Frauen haben sich kämpfend ihren Platz erobert. Vielleicht ist es nicht möglich Angaben zu machen, zu welchem Grad wie viele Frauen draußen kämpfen. Aber wer die Entwicklung nicht erkennt, dem können wir aufzeigen, wie die Frauen in den Gefängnissen und als Gefallene Ehre und Würde erlangen. Wer die Anzahl der Frauen der DHKP-C (Devrimci Sol) in den Gefängnissen, sowie die der gefallenen Frauen, in der Zeit des 12. September Putsches von 1980 mit den Zahlen von heute vergleicht, kann die ungeheure Entwicklung sehen.

Dutzende und Aberdutzende von unseren Kämpferinnen sind Widerstand leistend gefallen. Sie haben ihre Namen mit ihrem Blut in unsere Geschichte geschrieben, selbstlos und bereit sich zu opfern. Es ist dies nicht nur eine Geschichte, die von Guerilleras, Kommandantinnen und Kämpferinnen geschrieben wird. Betrachtet die Überwindung des Depolitisierungsprozesses, die Überwindung der Dunkelheit, aus der Zeit des 12. September Putsches, schaut, an vorderster Stelle waren immer die Frauen.

Diese Geschichte kann nicht übersehen werden und wenn sie nicht genau betrachtet wird dann können all die Sibel’s, die Ayce Gülen’s und die Idil’s auch nicht verstanden werden. Dann kann auch nicht verstanden werden warum diese Entwicklung gerade in den Reihen der DHKP-C eine so hohe Qualität erreicht hat.

Die Revolution an sich ist eine Kunst. Nur mit Politik, nur mit militärischer Kraft kann nichts gewonnen werden. Nur wenn auch mit der künstlerischer Sensibilität Tag für Tag, von Kampf zu Kampf, vorgegangen wird, kann der Sieg errungen werden, nur dann ist das Gemälde vollendet. Und dieses Gemälde erschaffen und verschönern Frau und Mann nur Hand in Hand. Die DHKP-C kämpft nicht mittels einer abstrakten Theorie, sondern sie ist eine Organisation, die mit einer revolutionären Seele, mit einer revolutionären Sensibilität kämpft. Traditionen weiterzuführen ist nicht umsonst. Die Ersten zu sein, die etwas erschaffen, ist nicht umsonst. Wie wir kämpfen, so rezitieren wir unsere Gedichte, und sowie wir unsere Gedichte rezitieren, so kämpfen wir. Unsere Frau, unser Mann, rühren und kneten zusammen den Teig der Revolution.

Dies ist die Quelle, aus der sich HeldInnenmut nährt.

FRAUEN; KÜNSTLERINNEN UNSERES LANDES

Now Idil will live in thousands of us!

Es ist nun Zeit, so wie Idil zu werden. Wie Idil zu werden, heißt sich als Frau zu befreien. Wie Idil zu werden heißt, den höchsten Gipfel der Kunst zu erklimmen.

Idil ist die Ehre unserer Frauen in den Schulen. Sie hat es abgelehnt, schwach, willenlos, zerbrechlich, immer einen Schritt hinter dem Manne zu gehen. Sie ging Seite an Seite mit dem Mann. Wie sie zu sein, heißt sich zu befreien, das eigene Leben selbst zu bestimmen.

Idil ist die Ehre der KünstlerInnen, welche ihre Lieder ihre Bilder, für das Volk schreiben, für das Volk malen. Ihr letztes Lied, ihr letztes Theaterstück (gemeint ist das Todesfasten) kann nicht gespielt werden, ohne so wie Idil zu sein. Ihr Namen wird Symbol des Vertrauens unseres Volkes in die KünstlerInnen werden. Unserem Volk von ihr zu erzählen, sie bekannt zu machen, ist die Aufgabe von euch KünstlerInnen. In den Augen unseres Volkes werden mit ihr alle KünstlerInnen an Wert gewinnen.

Es ist jetzt Zeit, wie Idil zu werden. Es ist jetzt Zeit, unsere Lieder wie sie zu singen. Eine Frau wie sie zu werden.