VERLIEREN WERDEN JENE, DIE VERSCHWINDENLASSEN – TEIL I

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Der Susurluk Staat[a1]1 läßt “verschwinden”, setzt seine Massaker fort. Neslihan Uslu, Metin Andas, Hasan Aydogan und Mehmet Ali Mandal, die am 31. März 1998 in Izmir festgenommen wurden, gelten immer noch als “verschwunden”. Der Susurluk Staat, der für kurze Zeit diese Formen des Krieges gegen das Volk zurückgezogen hatte, greift nun erneut respektlos an.

Der Susurluk Prozeß ist ein Prozeß, der die Realität des Staates in unserem Land vor Augen führte. Es wurden alle Mittel, die der Staat jahrelang in seinem ungerechten Krieg gegen das Volk angewandt hat angeprangert, und sein richtiger Charakter wurde von 60 Millionen gesehen. Diejenigen, die das Volk mit dem Spruch “Der Vater Staat” für dumm verkaufen wollen, sind jene, die in allem möglichen Dreck schwimmen, die Kinderschänder und Drogenhändler sind. Sie sind im Parlament, in der Armee, der Polizei und der Mafia organisierte Volksfeinde, deren Hände mit Blut beschmiert sind. Sie waren auch die praktischen Durchführer des Verschwindenlassens, der Massaker und der Unterdrückungspolitik.

Gegenüber der Realität, die nicht mehr geheimgehalten werden konnte, stand der Susurluk Staat wie vom Schlag getroffen. Er geriet in ein ernsthaftes moralisches Gebrechen. An einem Zustand angelangt, wo der Staat mit seinen Institutionen nicht mehr funktionierte, spitzte sich die vorrherrschende Regierungs-Krise zu und die Widersprüche verschärften sich von Tag zu Tag.

In der Phase, da der MGK (Nationaler Sicherheitsrat) die Zügel in die Hand nahm und offener zu spielen begann, versuchte der Susurluk Staat zum Einen Zeit zu gewinnen, und begann zum anderen mit
Neuorganisierungen, welche die Angriffe weiterführen konnten. Während man versuchte die angeprangerten, nicht mehr funktionierenden Institutionen, wieder in Ordnung zu bringen, wurden zahlreiche Aktivitäten zur Säuberung des Staates durchgeführt. Der MGK, der die Systemparteien mit Diskussionen um den selbst erfundenen “Scheriat – Putsch” disziplinierte, versuchte diverse Kreise für seine Seite zu gewinnen. Insbesondere war er darum bemüht, den Prozeß um Susurluk mit möglichst wenig Verlusten abzuschließen. Er hat sich viel Mühe gegeben, um das Vertrauen an den Staat wieder aufzubauen und den Staat zu säubern. Der Bericht, den der Staatsanwalt Kutlu Savas über Susurluk niederschrieb, hielt sich in diesem Rahmen. Die notwendige Betonung darauf, daß einige Anwendungen des Staates, sich mehr “im Rahmen des Gesetzes” zu halten, machten das wahre Ziel und die Absicht des Staates dingfest. Das “Verschwindenlassen” und die Massaker sollten um den Fortbestand des Staates durchgeführt werden, jedoch “im Rahmen des Gesetzes” und geheim bleiben.

Der die Susurluk Phase in bestimmtem Maße schließende Staat, verdichtete die Angriffe auf das Volk. Es gibt keine einzige Schicht des Volkes, die nicht von diesen Angriffen des Staates betroffen war. Studenten und Schüler, Beamte, Arbeiter und die Menschen in den Gecekondus (Slumgebieten) waren den verschieden Formen des staatlichen Terrors ausgesetzt.

Die Oligarchie hatte schnell ihre unveränderliche und traditionelle Politik innerhalb der Angriffe wieder zur Anwendung gebracht. Die Massaker begannen sich wieder aneinanderzureihen. Zuerst wurden in Adana drei, danach in Istanbul zwei Revolutionäre massakriert. Das “Verschwindenlassen”, ein wichtiges Standbein des Krieges gegen das Volk, gelangte erneut an die Tagesordnung.

Neslihan, Hasan, Metin, Mehmet Ali werden weder das erste, noch das letzte Glied in der ‘Verschwundenen-Kette’ sein. Die Oligarchie “läßt verschwinden”, um die gesamte Gesellschaft zum Schweigen zu bringen. Aber eines ist ganz sicher, die vier verschwundenen Revolutionäre werden, wie die hunderte unserer Menschen davor, das Ende des Staates beschleunigen und sich in eine Waffe umwandeln, die den Staat trifft.

Die Politik des “Verschwindenlassens” und unser Land

Die Politik des “Verschwindenlassens” wurde in vielen Ländern, vor allem aber in den Ländern Lateinamerikas eingesetzt. In unserem Land kam sie hauptsächlich erst in den 80’er Jahren mit dem faschistischen Putsch vom 12. September zur Anwendung, und wurde ab 1990 beschleunigt und systematisch angewandt. Während der Militärjunta war die Zahl der Verschwundenen noch zweistellig, ab 1991 jedoch wurde diese Zahl immens höher und erreichte die Hunderte. So gab es zum Beispiel allein im Jahr 1995 nachweislich 213 Verschwundene. Desweiteren gab es Dutzende von unnachweisbaren Fällen. Es wurde besonders ab den 90er Jahren mit der Politik des Verschwindenlassens versucht, die Revolutionäre zur Kapitulation zu zwingen und das Vertrauen des Volkes an die revolutionären Organisationen zu schädigen. Die Politik des Verschwindenlassens richtete sich nicht nur gegen
Revolutionäre. Innerhalb kurzer Zeit begann sie alle Teile des Volkes zu erfassen. Diese Methode, die sich im Labor des CIA entwickelte, um das Volk im Angst und Schrecken zu versetzen und um in den Reihen des Volkes Entmutigung und Pazifismus zu erzeugen, wurde auf sehr breiter Ebene angewandt.

Der erste Verschwundene: Hayrettin Eren

Hayrettin Eren wurde vor 18 Jahren, in der ersten Phase der Militärjunta des 12. September Putsches verschwindenlassen. Nach seiner Festnahme am 20. Oktober konnte man von ihm keine Nachricht mehr erhalten. Hayrettin Eren gehörte der Devrimci Sol (Revolutionäre Linke) an und wurde zu einem der ersten Ziele in der Politik des Verschwindenlassens, welche derzeit von Seiten der Junta, neben Folter, Hinrichtung und dem Erhängen nicht häufig angewandt wurde.

Während Hayrettin Eren mit seinem Auto in Sarachane / Istanbul unterwegs war, wurde er festgenommen.

Als seine Mutter Elmas Eren nach der Festnahme zur Polizeidirektion in Gayrettepe ging, um nach ihrem Sohn zu fragen, sah sie sein Auto vor dem Gebäude. Aber deren Antwort lautete, “Wir wissen es nicht. Wir suchen ihn ebenfalls”. Aber acht Personen, die mit ihm gemeinsam festgenommen wurden sagten, daß sie sich mit ihm gemeinsm in der Polizeiabteilung befanden.

Trotz der Zeugenaussagen und all der Anträge, hat man von Hayrettin seitdem nichts gehört. Zuletzt wurde er von den am 18. Februar 1981, im Zusammenhang mit der Bestrafungsaktion Mahmut Dikler’s (damaliger Polizeidirektor von Istanbul) Festgenommenen auf der Polizeistation gesehen.

Die Mutter berichtet wie folgt von den Tagen auf der Suche nach ihrem Sohn:

“Angefangen bei den Polizeistationen, bis hin zum Rat und sogar dem Roten Kreuz, habe ich diesen Vorfall vorgetragen. In diesen Jahren wurden keine ordentlichen Untersuchungen durchgeführt. Wir fanden die Zeugen; sie alle waren auf der Polizeistation in der selben Zelle untergebracht und zusammen gefoltert worden. Auch gab es so viele, die ihn gesehen hatten. Keiner hat Zweifel daran, daß er monatelang in der politischen Abteilung festgehalten wurde. Aber all diesen Tatsachen zum Trotz, sah sich der Anwalt nicht veranlaßt Anklage zu erheben. Er weiß jedoch genauso gut wie wir, daß die ´Verschwundengelassenen` von Seiten des Staates ermordet werden. Der Staat versucht währenddessen seinen eigenen Dreck zu beseitigen und ignoriert Dutzende von Zeugenaussagen.”

(Zafer Yolunda Kurtulus- ‘Befreiung auf dem Weg zum Sieg’, Ausgabe Nr. 20, S. 9)

Die 90er Jahre… Die Oligarchie systematisiert das “Verschwindenlassen”

Die 90er Jahre stellen eine Phase dar, in welcher der nach dem 12. September Putsch zurückgefallene revolutionäre Kampf einen Aufschwung erlebte. Sei es die Devrimci Sol, sei es die kurdische nationale Bewegung, sie erzeugten große Angst an der Front der Oligarchie.

Parallel zum Anstieg des nationalen- und des Klassenkampfes begann die Oligarchie nacheinander neue Vorkehrungsmaßnahmen zu treffen und neue Gesetze zu verabschieden. Während einerseits das
“Demokratisierungs”-Spielchen ablief, versuchte man andererseits die gesamte Politik der Repressionen, der Folter und der Massaker gegenüber dem Volk mit neuen “Anti-Terror-Gesetzen” in einen legalen Anzug zu hüllen und auf diese Art zu legitimisieren. Auf wen dieser Angriff zielte, der sich gemeinsam mit den Regelungen des
“Anti-Terror-Gesetzes” steigerte, das in Wahrheit ein “Terror-Gesetz” ist, beschrieb in dieser Phase Turgut Özal (damaliger türkischer Präsident) wie folgt:

“…Organisationen wie die PKK oder die Dev-Sol stehen heute kurz vor ihrer Beseitigung. Bis gestern war das Zentrum, von dem aus Organisationen wie die PKK oder die Dev-Sol geführt wurden, das von jedem bekannte Rußland. Wenn selbst dort ein Zerfall herrscht, warum sollten dann diese Organisationen in der Türkei auf den Beinen stehen können?…In dem ´Gesetz zur Bekämpfung des Terrors` müssen (für die) harte Strafen eingeführt werden.” 8

Während die Herrschenden in der Führung des Landes eine Krise durchlebten, wuchs die tiefe Unzufriedenheit auf der Seite des Volkes und die wahren Gesichter der gesamten Systemparteien wurden nach und nach aufgedeckt. Die Oligarchie, die seit diesen Jahren ihren rasenden Terror walten läßt, begann ebenfalls in diesen Jahren Schritt für Schritt ihre Politik des “Verschwindenlassens” systematisch umzusetzen. Der Devrimci Sol-Kämpfer Yusuf Eristi wurde zum ersten “Verschwundenen” dieser Phase.

Es existieren ein Zeuge und noch dazu eine Fotografie… Aber er ist “verschwunden”

Yusuf Eristi wurde am 14. März 1991 in Belgradkapi / Istanbul festgenommen. Trotz der Erlaubnis, die den Anwälten nach seiner Festnahme von seiten des Staatssicherheitsgerichtes erteilt wurde, verweigerten die ‘Folterer’ den Anwälten den Besuch. Später dann, trotz aller Aussagen und Zeugenschaften seiner mit ihm zusammen festgenommenen Freunde, ging Yusuf Eristi in die Liste der
“Verschwundenen” ein. Den Anwälten, die nach dem 12. Juli
(polizeiliche Operation, bei der 12 Revolutionäre der Devrimci Sol in einer Nacht in Istanbul und Ankara ermordet wurden) zur Identifikation von Ibrahim Ilci´s Leiche zum gerichtsmedizinischen Institut kamen, zeigte die Polizei eine Fotografie von Yusuf Eristis, mit Folterspuren versehener Leiche.

Auf Initiative des zu diesem Zeitpunkt neu gegründeten Özgür-Der (Studentische Vereinigung), führten eine Vielzahl demokratischer Vereinigungen nach dem “Verschwinden” von Yusuf Eristi unter Polizeigewahrsam Aktionen durch. Es wurde zum Auffinden von Yusuf eine Kampange gestartet. Während zusammen mit dieser Kampagne das “Verschwindenlassen” erstmals in der Öffentlichkeit auf die Tagesordnung kam, wurde die Oligarchie entblößt.

Außerdem forderte die Devrimci Sol von den Mördern Rechenschaft für Yusuf Eristi’s “Verschwinden”. Das Mitglied des für Devrimci-Sol zuständigen Teams in der 1. Abteilung, Haci Beykara, wurde bestraft.

Zusammen mit jeder Person, die der Staat “verschwinden ließ”, erweiterte und entwickelte sich der Kampf im gesamten Land. Immer wieder von neuem wurde den Herrschenden vor Augen geführt, daß es nicht so einfach sein würde, die Revolutionäre “verschwinden zu lassen”, und daß man diese Fälle verfolgen würde.

“Wäre es bloß nicht an die Öffentlichkeit gelangt”

Soner Gül und Hüsamettin Yaman wurden am 4. Mai 1992 in Istanbul festgenommen und “verschwanden”. Es wurde erneut eine Kampagne gestartet, diesmal um Hüsamettin und Soner, die innerhalb des Kampfes der Jugend in der Dev-Genc (Revolutionäre Jugend) teilnahmen, zu finden. Die Anwälte trugen den Fall an die Europäische
Menschenrechtskommission. Während die Familien am 9. Juni 1992 Anklage erhoben, fragten die Mitglieder des IYÖ-DER (Istanbuler
Hochschulverein) innerhalb und außerhalb der Universität: “Wo sind Hüsamettin Yaman und Soner Gül?”.

Außerdem begab sich eine Kommission, bestehend aus Mitgliedern von IYÖ-DER, Tüm Özgür-Der, dem Ortaköy Kulturzentrum und Mitgliedern der ‘Arbeiter im Revolutionären Kampf’ nach Ankara. Im TBMM (Parlament der Türkei) fürten sie Gespräche mit Abgeordneten und Ministern durch. Mehmet Kahraman, dem für Menschenrechte verantwortlichen Staatsminister, der die Äußerung, “wenn diese Verschwundenen doch bloß nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären” machte, antwortete man, daß die Spur der “Verschwundenen” weiterverfolgt werden wird.

Die Monate Oktober und November des Jahres 1992 stellten eine neue und wichtige Phase im Kampf gegen das “Verschwindenlassen” dar. Ausgelöst durch einen Kampf gegen die in dieser Phase dicht aneinandergereihten Fälle des “Verschwindenlassens”, wurden die “Verschwundenen” im gesamten Land zur Tagesordnung und die Machthaber wurden in die Enge getrieben und bloßgestellt.

Die Polizei ließ am 20. Julli Hasan Gülünay und am 6. Oktober Ayhan Efeolgu unter Polizeigewahrsam verschwinden.

“Ihr wollt Blut, hier habt ihr Blut”

Im Monat Oktober wurden im Rahmen einer Kampagne zahlreiche Aktionen organisiert. Unter anderem wurden Pressekonferenzen und Forums abgehalten. Dev-Genc führte am 24. Oktober eine bewaffnete Aktion in Besiktas / Akaretler durch. Durch gelegtes Feuer wurde der Verkehr blockiert. Mit einer Molotof-Aktion auf eine Bank, sollte gezeigt werden, daß die Mörder von Ayhan zur Rechenschaft gezogen werden. Die Mütter von Verschwundenen begannen am 2. November einen Hungerstreik vor dem Bezirksgebäude der HEP (Partei der Arbeit des Volkes) in Istanbul / Eminönü. Ab 4. November wurde der Hungerstreik in Ankara fortgesetzt.

Am 6. November besetzten die Angehörigen das Bezirksgebäude der DYP (Partei des rechten Weges) in Ankara. Am 7. November führten sie eine Kundgebung vor dem Haus des Staatspräsidenten Süleyman Demirel durch, die von Parolen begleitet wurde. Trotz aller Zurückweisungen gelang es ihnen letztendlich, ein Gespräch mit Demirel zu führen. Demirel sagte: “Habe ich sie etwa in meiner Hosentasche, daß ich sie rausholen kann?” Die Mütter und Väter packten ihn daraufhin am Kragen und forderten ihn zur Rechenschaft auf. Am 12. November riefen die Mütter vor dem Ministergebäude, “Ihr Zuständigen der Regierung und des Staates, die ihr vom Blut nicht satt werden könnt… Wenn ihr Blut haben wollt, so habt Blut”, und schleuderten mit Blut gefüllte Flaschen.

Diese von den Angehörigen verwirklichten Aktionen, gelangten trotz aller Behinderungen und Zensuren an die Öffentlichkeit, wurden sogar zur Tagesordnung.

Die Mörder wurden zum ersten Mal ernsthaft in die Enge getrieben.

Die Oligarchie konnte trotz ihrer Demagogie die Politik des “Verschwindenlassens” nicht geheimhalten. Ihre Mord-Gesichter kamen zum Vorschein.

Die von den Müttern durchgeführten Aktionen wurden in vielen Teilen des Landes durch Solidaritäts-Hungerstreiks und Telegramm-Aktionen unterstützt.

Viele in Europa ansässige Institutionen und Organisationen riefen dazu auf, “die Stimmen gegen das Verschwindenlassen zu erhöhen”.

Devrimci Sol verübte Bombenanschläge auf die Wahlbüros der DYP und SHP, mit denen sie die Verantwortlichen für das “Verschwindenlassen” zur Rechenschaft zogen.

In den von den Revolutionären Volkskräften veröffentlichten Flugblättern mit der Überschrift “In der Türkei, dem Land der Verschwundenen, suchen die Mütter nach ihren Kindern”, hieß es weiter:

“Jetzt lebt das Grauen, das gestern im Nazi Deutschland, in Argentinien der Chile erlebt wurde, in unserem Land. Die Oligarchie denkt, daß sie mit dieser Politik Erfolg haben wird und unser Volk beängstigen kann. Jedoch sie täuschen sich: Sie können nicht 60 Millionen von Menschen in Angst versetzen und zur Kapitulation zwingen.”

Ein Massaker, ein Verschwundener

Am 13. August 1994 wurden in Perpa fünf Menschen massakriert. Während die Oligarchie nicht nur Revolutionäre, sondern auch in keinem Zusammenhang stehende Menschen ermordete, ließ man Erdogan Sakar, der an jenem Tag in Perpa festgenommen wurde, “verschwinden”.

Die Angehörigen von Gefallenen und Gefangenen, aus dem Verein Özgür-Der, die sich – den “Verschwundenen und den sie
Verschwindenlassenden auf den Fersen” nach Ankara begaben, führten Gespräche mit Ministern und Abgeordneten. Sie wollten die Mörder von Erdogan Sakar.

Am 23. September wurde trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, mit einem Angriff auf die SHP (Sozialdemokratische Volkspartei)
Zentralversammlung vom damaligen Parteichef Murat Karayalcin Rechenschaft verlangt. Der bis dahin laufende Hungerstreik wurde beendet.

Mit jedem/r neuen “Verschwundenen”,

wuchs der Kampf gegen das Verschwindenlassen

Ali Efeoglu, dessen Bruder Ayhan Efeoglu man “verschwinden” ließ, wurde am 5. Januar 1994 festgenommen und verschwindenlassen. Alle nach seinem Verbleib gestellten Anfragen blieben ohne Erfolg. Der zuständige Staatsanwalt des DGM (Staatssicherheitsgericht) in Istanbul, bemerkte: “Vielleicht ist er zu seinem Bruder gegangen”.

Der Versuch, Ali Efeoglu verschwinden zu lassen, setzte die Angehörigen der Verschwundenen und Gefangenen, die Jugendlichen ein weiteres Mal in Bewegung. Es wurden zahlreiche Erklärungen und Kundgebungen gemacht. Dem IYÖ-DER (Istanbuler Hochschulverein) angehörige Studenten hielten gegen Ende Januar Forums in den Universitäten ab. Am 31. Januar führten sie eine Besetzung im Istanbuler Bezirksgebäude der SHP in Taksim durch. In der gleichen Phase verleihten die Devrimci Sol Gefangenen mit Aktionen und Erklärungen in den Gerichtssälen der Kampagne Kraft. Im April 1996 ließ man den der Devrimci Sol angehörigen Recep Güler
“verschwinden”. Seit seiner Festnahme am 24. April konnte man keinerlei Nachricht von ihm erhalten. Auf alle Anfragen erhielt man die gleiche Antwort: “Er ist nicht bei uns”…

Auch Lütfiye Kacar von der Devrimci Sol wurde nach ihrer Festnahme im Oktober 1994 “verschwindenlassen”. Im gleichen Zeitraum ließ man auch das Mitglied der TDKP (Revolutionäre Kommunistische Partei der Türkei), Kenan Bilgin, trotz vieler Zeugen unter Polizeigewahrsam im DAL (Eingehendes Forschungslaboratorium) verschwinden.

Am 26. Oktober begann die Plattform für Rechte und Freiheiten im Rahmen des Kampfes gegen das Verschwindenlassen, die Massaker und Dorfverbrennungen, einen Hungerstreik im SHP-Bezirksgebäude in Istanbul.

Am 24. Dezember nahm man Ismail Bahceci fest und ließ ihn ebenfalls verschwinden. Für Ismail Bahceci wurde eine breite Kampagne gestartet. Pressekonferenzen und Forums wurden abgehalten und Aktionen wurden sowohl in der Türkei als auch im Ausland zahlreich
durchgeführt. Das in dieser Phase gebildete ‘Komitee – Nein zum Verschwindenlassen’ hat in Ankara vieles unternommen. Bei einem Meeting von Beamten am 21. Januar 1995 in Ankara wurde eine Rede gehalten.

Die ‘Revolutionären Volkskräfte’ drangen in das Istanbuler
Bezirksgebäude der SHP in Esenler ein und prangerten die Mitschuld der Partei an. In vielen Vierteln wurden Aktionen für die Verschwundenen abgehalten, bei denen man Wege in Brand steckte. Von Istanbul bis Trabzon und bis Adana wurden Anschläge mit Bomben und Molotov Cocktails auf zahlreiche staatliche Institutionen und Aktionen, wie Wandbeschriftungen und Anbringen von Transparenten durchgeführt.

In Europa organisierte man Delegationen für Ismail Bahceci. Die angereiste Delegation aus den Ländern Österreich, Holland und Griechenland versuchten verschiedene Gespräche in Ankara und Istanbul zu führen.

Die in die Enge getriebenen Machthaber flüchteten überall vor einem Gespräch mit den Delegationen.

Die für Ismail Bahceci durchgeführte Kampagne fand im In- und Ausland großen Widerhall und schuf Sensibilität für die Verschwundenen. Mit dieser Kampagne wurde gezeigt, daß man die Verschwundenen unter keinen Umständen aufgeben wird.


“VERSCHWUNDENE” IN DER WELT

Die Herrschenden haben sich während der gesamten Geschichte jeglicher Art von unmenschlicher Methode gegen die Unterdrückten bedient, um ihre ungerechten Systeme weiterführen zu können.

Um ihre Macht sichern, fortführen zu können, war es notwendig die Organisierungen der Menschen und den gegen sie geführten Kampf zu verhindern. Deshalb war der Druck der Herrschenden auf die
Unterdrückten stets vorhanden.

Folter, Massaker und Kerker, welche man gegen die gegen
Ungerechtigkeit Kämpfenden und widerstandleistenden Völker anwandte, hatten diesen Zweck.

Die gegen das arme Volk angewandten Methoden veränderten sich gemeinsam mit der Entwicklung der Gesellschaften, und mit der Unveränderlichkeit von Ziel und Substanz in seiner Form; es wurden Methoden entwickelt, welche an die Besonderheiten der durchlebten Phase angepaßt waren.

Menschen von wilden Tieren zerfleischen zu lassen, auf Pfählen sitzen zu lassen, sie anzündend oder steinigend zu töten, oder auch andere Foltermethoden schufen Platz für neue Methoden.

In der Phase des Imperialismus, der letzten Stufe des Kapitalismus, wurden ganz besonders mit der nach dem II. Imperialistischen Verteilungskrieg aufgekommenen Demagogie über die “Menschenrechte”, noch “wissenschaftlichere” und “feinere” Methoden gegen den Kampf der Völker um Unabhängigkeit, Demokratie und Freiheit angewandt. Es wurde damit begonnen, Angriffe auf die Völker der Welt von imperialistischen Zentren und Monopolen aus zu leiten.

Die USA, die in dieser Phase zum Herren des Imperialismus geworden sind, gestalteten mit all den Lehren, die sie bis dato aus den Befreiungskämpfen gezogen hatten, neue Angriffs Politiken gegen das Volk. Sie setzten ihre neu entwickelten physischen und psychischen Methoden in die Realität um. Eine dieser Methoden war die von den Imperialisten und ihren ansässigen Kollaborateuren, gegen die Revolutionäre eingesetzte Politik des VERSCHWINDENLASSENS.

Der erste Befehl zum “Verschwindenlassen”:

NACHT UND NEBEL

Die Politik des “Verschwindenlassens” wurde zum ersten Mal
systematisch von Seiten des des Nazi-Regimes während des
II. Imperialistischen Verteilungskrieges gegen die Völker, der unter Okkupation des Hitler Faschismus stehenden Länder angewandt. Gegenüber dem sich in Europa erhöhenden antifaschistischen Widerstand gegen den Faschismus, sagte Hitler: “Hinrichtungen erzeugen Helden”, und die Nazis begannen differenzierte Methoden anzuwenden, bei denen “keine Helden geschaffen” werden. Und so wurde im Februar 1942 der “Nacht und Nebel” Erlaß veröffentlicht. Hiernach würden die
Untersuchungsgefangenen bei Nacht nach Deutschland
transportiert. Zehntausende von Menschen wurden bei Nacht ins Ungewisse geschickt. Die getroffenenen Vorkehrungen wurden
folgendermaßen begründet:

“Aus diesen Vorkehrungen würde man ein endgültiges Resultat erzielen; denn;

  1. Es würde von den Gefangenen nicht eine einzige Spur bleiben,
  2. Es würde keine Informationen über ihren Verbleib oder ihr Schicksal gegeben werden”.

Auf diese Art gingen Zehntausende von Menschen, die bei Mitternacht die Waggons füllten und in den Öfen hingerichtet wurden, und das Massenverschwindenlassen zum ersten Mal in die Geschichte ein.

Diese zum ersten Mal von den Nazis praktizierte Politik, begannen die imperialistischen USA nach dem 2. Verteilungskrieg, in
weiterentwickelter Form gegen die klassenspezifischen und nationalen Befreiungskämpfe der neokolonialen Länder anzuwenden.

Die Nazis dehnen

“NACHT UND NEBEL”

im Dienste des Imperialismus

AUF DIE NEOKOLONIEN AUS

Gegen Ende des 2. Imperialistischen Verteilungskrieges setzten sich die faschistischen Hitler-Generäle, denen bewußt war, daß es zu einer Regeneration kommen würde, heimlich mit den USA in Verbindung. Als Ergebnis der Verhandlungen mit den USA setzte sich ein Teil dieser Generäle in den Vereinigten Staaten, ein Teil in Lateinamerika ab. Unter ihnen befand sich auch der in Sachen faschistische Untergrundorganisierung erfahrene General Gehlim. Die faschistischen Generäle, die ihre gesamten angesammelten Erfahrung und ihr Wissen an den US-Imperialismus weitergaben, legten auch den Grundstein für die – in der gesamten Welt gegen die klassenspezifischen und nationalen Befreiungskämpfe – formierten Konterguerilla Organisierungen.

Nach dem 2. Imperialistischen Verteilungskrieg, trug man die Erfahrungen, die mit der Anwendung des berühmten “Nacht und Nebel” Erlasses – gegen die in Europa gegen den Deutschland Faschismus widerstandleistenden Völker – gemacht wurden und die Lehren, welche die USA bis dato aus den Kriegen gegen die Völker gezogen hatten, zusammen; und es wurde damit begonnen, die Politik des
“Verschwindenlassens” in einer systematischeren Form, speziell gegen die Völker der Lateinamerikanischen Länder, anzuwenden. Sie wurde auf alle neokolonialen Länder der Welt ausgedehnt.

Das Resultat dieser wilden unmenschlichen Politik war, daß
Argentinien, Chile, El Salvador, Brasilien, Guatemala, Mexiko, Peru, Kolumbien, Burundi, Marokko, Kambodscha, die Philippinen, Equador, Haiti, Indonesien, Zimbabwe, Indien, Kuwait, Ruanda, Namibia, Papua Neu-Guinea und die Türkei zu Ländern der “Verschwundenen” wurden.

Guatemala umhüllt von “Nebeln”

40 TAUSEND VERSCHWUNDENE

Im Jahre 1954 übernahm Albay Castillo Armas in Guatemala die Macht. Albay Castillo Armas war ein von den CIA-Experten in den USA ausgebildeter Offizier. Somit wurde ein zügelloser Terror gegen das einheimische Volk gestartet. In der Phase der Junta verstärkte sich der Einfluß des Monopols ‘United Fruit’ und die von der
vorausgegangenen Macht verstaatlichten Ländereien, wurden an die Großgrundbesitzer zurückgegeben.

Die Terrorwelle gegen das Volk, die, als das gesamte Land zum Spottpreis an den Imperialismus verkauft wurde, einsetzte, erreichte im Jahre 1966 ihren Höhepunkt.

In der 1967 fortschreitenden Terrorphase, waren nach “Umzingelungsund Vernichtungs”operationen gegen die Guerillabewegungen, die Wege aufgrund der vielen Leichen unbegehbar. Wassergräben und Flüsse waren voll von Leichen. Leichen, die aufgrund von Folter nicht zu identifizieren, deren Häute abgezogen waren, abgetrennte Köpfe, Leichenteile, der Arme und Beine abgetrennt waren…

Der Anblick dessen wurde gewissermaßen zur Normalität. Gemeinsam mit der in dieser Phase ganz und gar mit den USA kollaborierenden “Ruhmreichen Armee Guatemalas” trennte die NOA (Neue
anti-Kommunistische Organisation) den Feinden die linke Hand ab und riß ihre Zungen heraus. Die Konterguerilla Organisation, genannt MANO (Organisierte Nationale anti-Kommunistische Bewegung), dechiffrierte die Oppositionellen, indem sie schwarze Kreuze an deren Türen anbrachte. Neben den offenen und geheimen Massakern, ging auch das alltägliche Massensterben, verursacht durch Armut, weiter.Von 70 Tausend 1968 in Guatemala sterbenden Menschen, waren 30 Tausend Kinder. Die Kindersterblichkeit war vierzigmal so hoch wie in den USA.

Als ein Resultat der Ausweglosigkeit der Herrschenden gegenüber dem Kampf der Völker, begann man die Methode des “Verschwindenlassens” in Guatemala erstmals in diesen Jahren häufig anzuwenden und sie entwickelte sich mit der Zeit zu einer der grundlegendsten Formen des Angriffs.

In der Zeitspanne von 1966 bis heute wurden in Guatemala knapp 40 Tausend Menschen “verschwindenlassen”.

Das Jahr 1973…
Uruguay und Chile

Gegen die mit dem Beginn der ökonomisch-politischen Krise 1968 in Uruguay (die Produktion stützt sich auf Ackerbau und Viehzucht) zunehmende Armut und Not, brach ein Streik nach dem anderen aus.

Der Einfluß der einen Befreiungskampf führenden, bewaffneten Bewegung Tupamaro wurde im Laufe der Zeit größer, die gegen die Herrschenden verwirklichten bewaffneten Aktionen nahmen zu.

Um den sich steigernden Kampf des Volkes niederzuhalten, übernahm im Juli 1973 die faschistische Junta die Macht. Gemeinsam mit der faschistischen Junta kam Uruguay einem großen Konzentrationslager gleich. Neben Folter und Massaker wurde das “Verschwindenlassen” zu einem alltäglichen Geschehen. Bei den Ermordeten und “Verschwundenen” handelte es sich nicht nur um Tupamaros. Intellektuelle, Schüler und Systemgegner, alle Schichten des Volkes wurden zur Zielscheibe des rücksichtslosen Terrors der faschistischen Junta.

Die in den ‘Libertad’ Kerkern von Montevideo wochenlang, monatelang schwer Gefolterten, wurden später “verschwindenlassen”. Die Leichen wurden, in Abflußgräben oder einsame Wälder werfend dem Verfaulen überlassen.

Die Leichen einiger der Verschwunden wurden später auf einsamen Plätzen gefunden.

In der Phase der Militärjunta wurden Tausende von Uruguayanern “verschwindenlassen”.

Die bei den 1973 durchgeführten Wahlen an die Macht gekommene sozialistische Allende Regierung, wollte der Ausbeutung der internationalen Kupfermonopole, deren wichtigste Reserven sich in Chile befinden, ein Ende setzen. Dabei wäre die Bergwerksindustrie nationalisiert worden. Die Imperialisten, die ihren Profit in Gefahr sahen, eröffneten einen Krieg gegen Allende. Chile wurde völlig unter eine ökonomische Walzenpresse genommen. Das Volk wurde gegen die Regierung aufgehetzt und letztendlich kam die von den USA unterstützte Militärjunta an die Macht, deren Führung der Faschist Pinochet übernahm. Allende wurde ermordet und das Land verwandelte sich in ein Blutbad.

Das nationale Stadion in Santiago wurde zu einem Folterzentrum umfunktioniert. Zehntausende von Chilenen wurden, nachdem sie in diesem Stadion der Folter unterzog und ermordete,
“verschwindenlassen”. In dieser Phase wurden nicht nur Chilenen “verschwindenlassen”; Pinochet machte auch nicht davor Halt, zahlreiche demokratische und intellektuelle Ausländer verschwinden zu lassen. Pinochet, der Chile in ein Land der “Verschwundenen” und Massaker umwandelte, ging mit diesen Methoden als einer der blutigsten Diktatoren in die Geschichte ein.

Die Foltermethoden der damaligen Geheimdienstorganisation DINA und das Schicksal der “Verschwundenen”, wurde in späteren Jahren mit den Geständnissen von DINA Mitarbeitern, die für zahlreiche Massaker verantwortlich waren und in eine Krise geraten sind, der gesamten Welt vor Augen geführt.

1 Aufgrund eines Autounfalls, der sich in der türkischen Provinzstadt Susurluk ereignete, wurden nach und nach die schmutzigen Geschäfte, in der die politischen Machthaber der Türkei verwickelt sind,
aufgedeckt. Es entwickelten sich breite Proteste gegen die Mafia- und Drogengeschäfte, die in höchsten Regierungskreisen abgewickelt werden. Auch wurde in dieser Sache ein Prozeß eröffnet, der nach dem Unfall in “Susurluk” benannt wurde.